Historische Fotos des Schmucktores
Quellen:
Landesarchiv Berlin F Rep. 290-09-03 Nr. 65/3103 (Foto 1)
Archiv Dr. Peter Franke / Friedrichshainer Chronik (Fotos 2 - 4)
Besuch in einer anderen Wohn- Welt
Der Rotdorn ist kein gemeiner Straßenbaum. Er gehört zu den Ziergehölzen. Selbst bis in dieses Detail hinein setzt die Knorrpromenade in der Nähe des Boxhagener Platzes im Berliner Bezirk Friedrichshain ganz eigene Akzente. Augenfälliger sind die Außenfassaden der neun Häuser, die die Straße zwischen Wühlisch- und Krossener Straße säumen. Diese heben sich deutlich von den einheitsgestalteten Mietshäusern der Umgebung ab. Vorsprünge, kleine Säulen und Rundbögen spielen mit den Augen beim vorbeigehen. Und für den kurzen Moment des Flanierens durch die nur 160 Meter langen Straße, hat man den Eindruck, die Miniaturausgabe einer Prachtstraße zu durchschreiten. Die Knorrpromenade hat es inzwischen fast in jeden Stadtführer geschafft. Zum Wochenende ziehen Touristenguides Besucher sogar aus Japan durch die Straße. Und renommierte Berlin-Magazine verglichen den verkehrstechnischen Winzling schon mit Berlins Prachtstraße überhaupt und schreiben der „Knorre“ Kudamm-Flair zu.
So viel Ruhm hatte sich der Berliner Architekt Wilhelm Wilutzky, nach dessen Plänen die Straße ab 1911 in zwei Jahren Bauzeit entstand, weiß Gott nicht erhofft. Sein Auftrag von der Friedrichsberger Bank lautete schlicht, auf dem einstigen Vorwerk Boxhagen eine so genannte „Bessere-Leute-Wohngegend“ zu errichte. Die Bank war im Zuge der Inflation nach dem 1. Weltkrieg in den Besitz der Ländereien gekommen. Zum Zwecke des Baus einer „großbürgerlichen Wohnanlage mitten im Arbeiterbezirk“ gründete sich die „Wühlisch Park mbH“. Der neuen Gesellschaft traten potentielle Bauherren bei. War es nun ein genialer Gedanke oder einfach nur Bequemlichkeit des Architekten: Wilutzky gestattete den unterschiedlichen Bauherren, in seine Planungen dieser Wohnanlage eigene Gestaltungsideen mit einzubringen. Und so bekam jedes Haus trotz einheitlicher Fassade sein eigenes Gesicht. Säulen tragen den darüber liegenden Balkon, Loggien treten aus der Fassade heraus, Putten thronen scheinbar übermütig unterhalb des Daches. Auch einzigartig:
jedes Haus hat einen kleinen Vorgarten. Fast revolutionär war die Idee, auf die für Berlin schon berüchtigte Hinterhöfe zu verzichten. In der Knorrpromenade ließ Wilutzky Mittelflügel errichten. Das ermöglicht die Querlüftung der hofseitigen Wohnungen, was als herausragende Errungenschaft des damaligen Reformwohnungsbaus gilt. Und um vollends deutlich zu machen, dass man mit der Knorrpromenade eine andere Wohnwelt betritt, durchschreitet man an der Ecke Wühlichstraße/Knorrpromenade Schmucktore aus Sandstein.
Wühlisch Park – so poetisch hätte die Wohnanlage heißen sollen. Doch daraus wurde 1912, bei der ersten urkundlichen Erwähnung, das eher sachliche Knorrpromenade. Die Umbenennung war ein Kniefall gegenüber Georg Knorr. Der Eisenbahningenieur und geniale Tüftler hatte um 1900 eine neuartige Bremsvorrichtung entwickelt, die bald die Züge in ganz Europa viel schneller und erschütterungsfreier zum Stehen brachte. Knorr war mit seiner Knorr-Bremse AG in die nächste Nähe gezogen und hatte die Gegend aufgewertet. Als er 1911 bei einem Kuraufenthalt in der Schweiz starb, entschieden sich die Bauherren, dem berühmten Sohn des Boxhagen-Kiez ein Denkmal zu setzen.
Die Knorrpromenade hat die Jahrhunderte gut überstanden. Nur Haus Nr. 6 hat es im 2. Weltkrieg erwischt. An seiner Stelle findet sich jetzt ein Spielplatz. Alle anderen Häuser haben inzwischen neuen Außenputz und frische Farben bekommen. Die Eingangs-Tore passen sogar nicht mehr zur Gesamtanlage. Sie sind in einem jammervollen Zustand. Beide Tore wären schon eingestürzt, wenn sie nicht feste Eisenklammern notdürftig stützen würden. Dem linken Tor fehlt die obere steinerne Schmuckvase. Leider gehören die Tore zu keinem Haus, so dass sich bisher niemand dafür verantwortlich fühlte. Doch sie gehören zur Anlage wie alle anderen Verspieltheiten an den Fassaden.
Auf die früher gesetzte „Bessere-Leute-Wohngegend“ weisen nur noch die Äußerlichkeiten hin. Heute wohnen hier Handwerke, Computerfreaks, Schauspieler, Journalisten, Kleinkünstler. Ein, zwei Gewerbebetriebe haben sich angesiedelt. Und wie seit Gründungstagen findet sich in Haus Nummer 2, an der Stelle des ehemaligen „Logen-Casino“ ein Restaurant. Heute ist das Bau-Ensemble im Bezirk Friedrichshain/Kreuzberg einmalig und steht als Beispiel einer bürgerlichen Wohnanlage als einzige Straße im Bezirk unter Denkmalschutz.
